Zehn Organisationen, darunter die Liquid Gas Europe AISBL, Brüssel, fordern die Europäische Union auf, erneuerbaren Energieträgern in der kommenden Heiz- und Kühlstrategie eine klare Rolle einzuräumen.
Heizen und Kühlen machen rund 50 % des gesamten Endenergieverbrauchs in der Europäischen Union aus. Damit ist dieser Bereich der größte einzelne Endverbrauchssektor Europas. Während die Europäische Kommission die neue Heiz- und Kühlstrategie sowie die Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED IV) vorbereitet, rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie sich dieser Sektor kohlendioxidneutral gestalten lässt.
Nach Ansicht einer breiten Allianz aus zehn europäischen Verbänden liegt die Lösung nicht in einer einzelnen Technologie. Die Liquid Gas Europe hat gemeinsam mit neun Organisationen, die Produzenten und Lieferanten erneuerbarer Energieträger vertreten, eine Erklärung veröffentlicht. Darin fordern die Verbände die EU-Entscheidungsträger auf, erneuerbare Moleküle einschließlich erneuerbarer Brennstoffe für den Wärmesektor als unverzichtbaren Bestandteil der europäischen Dekarbonisierungsstrategie anzuerkennen – ergänzend zur Elektrifizierung.
Elektrifizierung allein reicht nicht aus
Die Elektrifizierung ist eine zentrale Säule der Energiewende. Allerdings erreicht sie nicht jeden Haushalt, landwirtschaftlichen Betrieb, jedes kleine und mittlere Unternehmen sowie jeden Industriestandort in Europa. In vielen Fällen bestehen erhebliche praktische Hürden. Dazu zählen ältere Gebäude mit hohen Sanierungskosten, industrielle Prozesse mit hohem Temperaturbedarf, begrenzte Netzkapazitäten in ländlichen und abgelegenen Regionen sowie Investitionskosten, die zahlreiche Haushalte nicht tragen können.
Rund 7 Mio. Haushalte in der Europäischen Union nutzen Flüssiggas (LPG) zur Raum- und Warmwasserheizung. Hinzu kommen rund 700.000 Unternehmen, die damit Gewerbeimmobilien beheizen oder Prozesswärme bereitstellen. Darüber hinaus leben oder arbeiten mehr als 137 Mio. Menschen in ländlichen Regionen der Europäischen Union. Viele dieser Verbraucher sind auf flüssige Energieträger angewiesen.
Für diese Zielgruppen bieten erneuerbare Brennstoffe im Wärmesektor eine praktikable Alternative. Sie ermöglichen bereits heute eine Verringerung der Emissionen und können bestehende Infrastrukturen sowie vorhandene Heizsysteme nutzen.
Vorteile erneuerbarer Brennstoffe
Erneuerbare Brennstoffe, darunter erneuerbare Flüssiggase, bieten laut der Liquid Gas Europe mehrere Vorteile bei der Dekarbonisierung des Wärmesektors.
- Sofortige Wirkung
Erneuerbare Brennstoffe können Emissionen unmittelbar reduzieren, ohne auf einen vollständigen Austausch von Heiztechnik, umfassende Gebäudesanierungen oder neue Netzinfrastrukturen angewiesen zu sein. Die Energieträger sind mit bestehenden Heizkesseln, Geräten und Lieferketten kompatibel. - Hohe Systemresilienz
Im Gegensatz zu Strom lassen sich erneuerbare Brennstoffe speichern und transportieren. Dadurch steht eine flexible Energiequelle zur Verfügung, die bei Bedarf eingesetzt werden kann. Dies gewinnt insbesondere in Zeiten hoher Wärmenachfrage an Bedeutung, wenn gleichzeitig weniger erneuerbarer Strom erzeugt wird. - Ländliche und soziale Teilhabe
Haushalte und Gemeinden mit eingeschränktem Netzzugang oder hohen Sanierungskosten erhalten durch erneuerbare Brennstoffe einen wirtschaftlich tragfähigen Weg zur Dekarbonisierung, den eine ausschließliche Elektrifizierung nicht gewährleisten kann. - Wahlfreiheit für Verbraucher
Ein technologieoffener Ansatz ermöglicht Haushalten und Unternehmen die Auswahl der jeweils geeignetsten Dekarbonisierungslösung. Damit bleiben unterschiedliche regionale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigt.
Forderungen an die europäischen Institutionen
In der gemeinsamen Erklärung formuliert die Allianz fünf zentrale Forderungen:
- Anerkennung erneuerbarer Moleküle als wesentlichen Bestandteil eines resilienten, bezahlbaren und klimaneutralen Wärmesystems neben der Elektrifizierung.
- Technologieoffene politische Rahmenbedingungen, die eine langfristige Nachfrage nach erneuerbaren Brennstoffen im Wärmesektor schaffen und Investitionssicherheit für Produzenten, Lieferanten und Verbraucher gewährleisten.
- Unterstützung einer breiten Palette nachhaltiger Rohstoffe unter Nutzung bestehender Zertifizierungssysteme, um praktikable und verlässliche Nachhaltigkeitsstandards sicherzustellen.
- Berücksichtigung aller Emissionsminderungen, die durch nachhaltige erneuerbare Energieträger und Technologien erreicht werden, damit Verbraucher die jeweils passende Lösung wählen können.
- Schutz ländlicher und besonders sensibler Verbrauchergruppen durch einen kosteneffizienten und schrittweisen Übergang, der sich an der Verfügbarkeit nachhaltiger erneuerbarer Brennstoffe orientiert.
Regulatorische Hürden bremsen Entwicklung
Nach Angaben der Verbände stehen erneuerbare Brennstoffe trotz ihres Potenzials vor einem regulatorischen Umfeld, das vielfach unvollständig, fragmentiert und teilweise sogar nachteilig gestaltet ist. In einigen Bereichen verhindern Technologieverbote den breiteren Einsatz dieser Energieträger.
Diese Unsicherheit erschwert Investitionen und verzögert den Ausbau von Produktionskapazitäten, die für einen substanziellen Beitrag zur Wärmewende erforderlich sind. Die Allianz fordert deshalb klare und langfristige politische Signale, um Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette erneuerbarer Brennstoffe auszulösen und deren Markthochlauf zu beschleunigen.
Ausgewogener Weg zur Wärmewende
Die Botschaft der Verbände richtet sich nicht gegen die Elektrifizierung. Vielmehr plädiert die Allianz für ein komplementäres Zusammenspiel verschiedener Technologien. Eine resiliente, bezahlbare und inklusive Wärmewende benötigt nach Auffassung der Organisationen die Kombination aus Elektrifizierung, Energieeffizienz und erneuerbaren Brennstoffen.
Die kommende Heiz- und Kühlstrategie der Europäischen Union bietet die Möglichkeit, einen solchen ausgewogenen und ergebnisorientierten Rahmen zu schaffen. Dieser Ansatz würde den unterschiedlichen Gebäudebeständen, Energiesystemen und Verbrauchsstrukturen Europas Rechnung tragen.





