Das extreme Niedrigwasser stellt die Binnenschifffahrt und die Lieferketten der europäischen Chemieindustrie derzeit vor große Herausforderungen. Anders als während der kritischen Niedrigwasserphase im Jahr 2018 ist die Branche heute jedoch besser auf derartige Ereignisse vorbereitet. Wie moderne Schiffstechnik dazu beitragen kann, die Transportfähigkeit auch unter extremen hydrologischen Bedingungen zu sichern, zeigte sich beim Besuch von Bundesverkehrsminister Steffen Bilger und Markus Kamieth, Vorstandsvorsitzender der BASF SE, Ludwigshafen, an Bord des GEFO-Niedrigwasserschiffs „Canaletto“ in Ludwigshafen.
GEFO-Geschäftsführer Sven Benjamin von Appen stellte den Gästen das speziell für den Rheintransport entwickelte Tankschiff bei einem Rundgang über Deck und durch den Maschinenraum vor. Die „Canaletto“, die bereits seit Ende 2022 für die BASF in Fahrt ist, steht exemplarisch für eine moderne Binnenschifffahrt, die innovativ, emissionsarm und gezielt für Niedrigwasser optimiert ist.
Hohe Transportleistung auch bei extremem Niedrigwasser
Eine besondere Stärke der „Canaletto“ liegt in ihrer Fähigkeit, auch bei sehr niedrigen Wasserständen noch relevante Ladungsmengen zu transportieren. Möglich wird dies durch eine neu entwickelte, optimierte Rumpfkonstruktion in Verbindung mit einem darauf abgestimmten Antriebssystem.
Die Passage beim wichtigen Pegel Kaub hat die „Canaletto“ zuletzt noch mit 500 t Ladung gemeistert – mehr als 50 % über der Ladungsmenge von Schiffen mit vergleichbaren Abmessungen. Die maximale Ladekapazität des Schiffes beträgt rund 2.985 t und entspricht damit der Transportmenge von über 100 ISO-Tankcontainern.
Die „Canaletto“ wurde von der GEFO in Zusammenarbeit mit der Neptun Ship Design GmbH, Hamburg, und dem DST Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme e. V., Duisburg, nach den Anforderungen der BASF entwickelt und im Dezember 2022 nach rund zweijähriger Bauzeit in Fahrt gesetzt.
Hybridantrieb für effizienten und emissionsarmen Betrieb
Auch beim Antrieb setzt die „Canaletto“ auf moderne Technik. Das dieselelektrische Hybridsystem kombiniert Generatoren, Elektromotoren und einen Batteriespeicher. Ein intelligentes Powermanagement ermöglicht den effizienten Betrieb der Generatoren und die Nutzung von Batterien im Liegebetrieb.
Die Generatoren unterschreiten die geltenden Grenzwerte der EU-Abgasnorm Stage V deutlich. Die Stickoxidemissionen liegen mehr als 50 % und die Feinstaubemissionen mehr als 70 % unter den jeweiligen Grenzwerten. Für das Hybrid-Antriebssystem erhielt die GEFO eine Förderung der GDWS Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt, Bonn, aus dem Förderprogramm „Nachhaltige Modernisierung von Binnenschiffen“.
Flexibel für unterschiedliche Chemieprodukte
Die „Canaletto“ verfügt über acht Edelstahltanks und drei getrennte Lade- und Löschsysteme. Zwei der Tanks sind speziell beschichtet. Die getrennten Systeme ermöglichen eine hohe Flexibilität bei der Beförderung unterschiedlicher Chemieprodukte. Das Schiff ist zugleich Teil der langjährigen Zusammenarbeit zwischen der GEFO und der BASF.
Innovation braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Die Leistungsfähigkeit moderner Schiffe wie der „Canaletto“ zeigt, welches Potenzial die Binnenschifffahrt für Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit bietet. Innovation allein reicht jedoch nicht aus. Damit die Branche ihre Potenziale vollständig ausschöpfen kann, benötigt sie verlässliche Planungsgrundlagen und ein Umfeld, das Innovation und Investitionen ermöglicht.
Neben den zunehmend herausfordernden hydrologischen Bedingungen beschäftigen die Unternehmen der Binnenschifffahrt insbesondere der Fachkräftemangel, steigende bürokratische Anforderungen und eine wachsende regulatorische Komplexität. Auch alternative Kraftstoffe und neue regulatorische Vorgaben werden die weitere Entwicklung der Branche prägen.
Der Besuch von Bundesverkehrsminister S. Bilger und dem BASF-Vorstandsvorsitzenden M. Kamieth an Bord der „Canaletto“ bot Gelegenheit, diese Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze unmittelbar anhand eines modernen Binnenschiffs zu diskutieren.
Während die Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft, ist die Branche gefordert, diese durch Innovation und Investitionen mit Leben zu füllen. Die GEFO entwickelt dabei gemeinsam mit Kunden und Partnern Lösungen, die dazu beitragen, die Binnenschifffahrt langfristig zukunftsfähig zu gestalten.
GEFO investiert in eine moderne Tankerflotte
Die GEFO investiert kontinuierlich in die Modernisierung und den Ausbau ihrer Flotte. Im Jahr 2022 schloss die Hamburger Reederei ein Investitionsprogramm in Höhe von rund 300 Mio. Euro ab, in dessen Rahmen zahlreiche Neubauten und moderne Gebrauchttanker in die Flotte integriert wurden. Ein Schwerpunkt lag neben dem Ausbau der Seeflotte vor allem auf innovativen Edelstahltankern für die Chemiefahrt auf dem Rhein, die für Niedrigwassersituationen optimiert und mit Motoren nach der neuesten EU-Abgasnorm Stage V ausgerüstet sind.
Im Anschluss setzte die GEFO ihre Flottenerneuerung mit weiteren Investitionen von rund 400 Mio. Euro fort. Dazu gehören sieben weitere für Niedrigwasser optimierte Tanker für die Rheinschifffahrt, deren Ablieferung in den Jahren 2026 und 2027 vorgesehen ist. Darüber hinaus hat die GEFO zwölf Seeschiffs-Neubauten der Größenklassen 3.850 tdw und 7.900 tdw in China bestellt, darunter sechs Tanker mit Flettner-Rotoren zur Nutzung der Windenergie zwecks weiterer Reduzierung der Emissionen. Die Ablieferung dieser Schiffe ist für die Jahre 2026 bis 2028 vorgesehen.
Parallel dazu baut die GEFO ihre Binnenschifffahrts-Aktivitäten im Gastankersegment aus und übernimmt die Gastankeraktivitäten der Unigas Shipping Swiss AG, Baar. Die Transaktion umfasst sieben moderne Gastanker: drei bereits im Einsatz befindliche Schiffe sowie vier Neubauten, deren Ablieferung für das erste Quartal 2027 vorgesehen ist.





