Die anybill GmbH, Regensburg, ist mit dem Anspruch gestartet, die Digitalisierung und Vernetzung am Point of Sale entscheidend voranzubringen. Jetzt bringt das Start-up eine KI-basierte SaaS-Lösung in den stationären Handel – und arbeitet bereits an weiteren Ideen für die Zukunft.
Im Gespräch mit dem eot gibt Co-Gründerin und CEO Lea Frank Einblicke in die anfänglichen Herausforderungen, erläutert, welchen Mehrwert die digitale Belegplattform mit Purchase Intelligence gegenüber klassischen Marktdaten bietet, und erklärt, wie sich die Lösung nahtlos in bestehende Systeme integrieren lässt.
Sie und Tobias Gubo haben das Unternehmen anybill vor sechs Jahren gegründet, um im Hinblick auf die Belegausgabepflicht in Deutschland moderne Lösungen zu entwickeln. Wie kam es zu dieser Idee?
Lea Frank: Die Idee zu anybill entstand aus einer sehr konkreten Beobachtung: Der Kassenbon ist ein Pflichtdokument, aber in seiner analogen Form weder zeitgemäß noch nutzerfreundlich. Als die Belegausgabepflicht 2020 eingeführt wurde, wurde deutlich, dass Händler zwar gesetzlich verpflichtet sind, Belege auszugeben, dafür aber kaum digitale Alternativen zur Verfügung standen. Gemeinsam mit Tobias Gubo habe ich mich gefragt, warum ein Prozess, der digital beginnt – nämlich an der Kasse – am Ende auf Papier endet. Daraus entstand die Idee, den Kassenbon rechtssicher zu digitalisieren und ihn gleichzeitig als neuen Kontaktpunkt zwischen Handel und Kund:innen zu denken.
Welche Herausforderungen gab es bei der Umsetzung dieser Idee, insbesondere in einem Land, in dem Digitalisierung und Entwicklungsrückstand oft in einem Atemzug genannt werden?
Eine der größten Herausforderungen war, dass wir es mit einer fragmentierten Infrastruktur zu tun hatten. Der stationäre Handel arbeitet mit einer Vielzahl unterschiedlicher Kassensysteme, Payment-Anbieter und Backend-Lösungen. Hinzu kommt eine Zurückhaltung gegenüber neuen Technologien, insbesondere wenn es um rechtliche Sicherheit und Datenschutz geht. Wir mussten also nicht nur eine technische Lösung entwickeln, sondern auch Vertrauen aufbauen – bei Händlern, Partnern und Behörden. Gleichzeitig war es wichtig, die Lösung so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten, damit sie im Handelsalltag tatsächlich genutzt wird.
Sie haben Ihre digitale Belegplattform um Purchase Intelligence erweitert. Durch Machine Learning und künstliche Intelligenz werden aus den Transaktionsdaten Muster erkannt, woraus Empfehlungen abgeleitet werden. Was bedeutet das konkret für die Händler?
Konkret bedeutet das, dass Händler systematisch aus ihren eigenen Transaktionsdaten lernen können, ohne dafür eigene Data-Science-Ressourcen aufzubauen. Purchase Intelligence analysiert digitale Belegdaten in Echtzeit, erkennt Veränderungen im Kauf- oder Warenkorbverhalten und übersetzt diese automatisch in Handlungsempfehlungen. Das kann zum Beispiel Hinweise auf Sortimentsanpassungen, Kampagnenpotenziale oder veränderte Kaufzyklen sein. Der entscheidende Punkt ist: Die Analyse bleibt nicht abstrakt, sondern unterstützt konkrete Entscheidungen im Tagesgeschäft.
Worin unterscheidet sich Ihre Lösung von klassischen Marktdaten?
Klassische Marktdaten liefern meist aggregierte und zeitverzögerte Einblicke auf Branchen- oder Kategorieebene. Purchase Intelligence arbeitet dagegen mit den eigenen, anonymisierten Transaktions- und Warenkorbdaten der Händler und analysiert diese in Echtzeit. Statt komplexer Dashboards erhalten Händler konkrete, umsetzbare Handlungsempfehlungen für ihr Tagesgeschäft. Ein weiterer Unterschied liegt in der Nutzung: Mit der Funktion „Chat with your Data“ können Händler ihre Daten in natürlicher Sprache abfragen. Das senkt die Einstiegshürde und macht Datenanalyse auch ohne Analyse- oder IT-Know-how zugänglich. Die gewonnenen Erkenntnisse lassen sich zudem unmittelbar am Point of Sale aktivieren, etwa über den digitalen Beleg.
Können Sie konkrete Beispiele nennen, bei denen sich messbare Effekte für Händler gezeigt haben?
Ein Beispiel ist unser Partner Wilhelm Hoyer B.V. & Co. KG. Dort wird Purchase Intelligence genutzt, um Absatzentwicklungen frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen schneller abzuleiten.
Welche Partner spielen für die Weiterentwicklung oder Verbreitung Ihrer Plattform eine besonders wichtige Rolle? Und wie lässt sich Ihre Plattform in bestehende Kassensysteme oder CRM-Strukturen einbinden?
Eine zentrale Rolle spielen unsere Kassensystem-, Payment- und Loyalty-Partner. Sie ermöglichen die nahtlose Integration unserer Lösung in bestehende Infrastrukturen. anybill ist mittlerweile mit über 60 Kassensystemen kompatibel und lässt sich über standardisierte Schnittstellen in CRM- und Loyalty-Systeme einbinden. Darüber hinaus arbeiten wir mit Partnern aus den Bereichen Retail Media zusammen, um den digitalen Beleg als Kommunikations- und Aktivierungskanal weiterzuentwickeln.
Welche technischen Herausforderungen gibt es bei der Verarbeitung von Transaktionsdaten, und wie gehen Sie mit Datenschutzfragen um?
Im stationären Handel fallen kontinuierlich große Mengen an Kassendaten an, da jede einzelne Kaufhandlung an der Kasse erfasst wird. Eine zentrale technische Herausforderung besteht darin, diese Daten in ein einheitliches, auswertbares Format zu überführen. Dazu gehört insbesondere die Normalisierung von Produktdaten und Kategorien, um verlässliche Analysen zu ermöglichen. Datenschutz hat für uns dabei höchste Priorität. Alle Daten werden DSGVO-konform verarbeitet, anonymisiert ausgewertet und auf europäischen Servern gehostet. Händler behalten jederzeit die Kontrolle darüber, wie ihre Daten genutzt werden. Unser Anspruch ist es, Datenanalyse so zu gestalten, dass sie technisch robust ist und gleichzeitig Vertrauen schafft – bei Händlern ebenso wie bei Kund:innen.
Digitale Belegplattform eingeführt, Ziel der Digitalisierung und Vernetzung am Point of Sale erreicht – was kommt als Nächstes? Welche Pläne hat die anybill für die Zukunft?
Die Digitalisierung des Belegs war für uns der Einstieg, nicht das Ziel. In Zukunft wollen wir den Point of Sale weiter zu einem datengetriebenen Knotenpunkt entwickeln. Dazu gehört, Analyse und Aktivierung noch stärker miteinander zu verzahnen, etwa durch automatisierte Maßnahmen und KI-gestützte Funktionen. Gleichzeitig sehen wir großes Potenzial darin, Händler, Payment-, Loyalty- und Retail-Media-Partner noch enger zu vernetzen. Unser Ziel ist es, den stationären Handel langfristig datenfähig zu machen – auf Augenhöhe mit dem E-Commerce, aber zugeschnitten auf die Realität vor Ort.






