In der neuen Ausgabe des Podcasts #strohklug mit dem Titel „Rapsöl statt Erdöl – so geht grüne Chemie“ sprachen Claus Sauter, Vorstandsvorsitzender der Verbio SE, Zörbig, und Dr. Andreas Kohl, Head of Verbio life chemicals, darüber, wie biobasierte Spezialchemikalien fossile Rohstoffe ersetzen und damit eine wichtige Grundlage für die Transformation und die Zukunftsfähigkeit der unter starkem Wettbewerbsdruck stehenden Chemieindustrie legen.
Nach den vorangegangenen #strohklug-Folgen zur Transformation des Verkehrs richten die Gesprächspartner in der aktuellen Ausgabe ihren Blick auf einen weiteren zentralen Einsatzbereich fossiler Rohstoffe: Erdöl wird nicht nur als Kraftstoff genutzt, sondern ist zugleich Ausgangsstoff für Kunststoffe, Schmierstoffe, Wasch- und Reinigungsmittel sowie zahlreiche weitere Produkte des täglichen Lebens.
Die zentrale Frage ist deshalb, wie sich fossiler Kohlenstoff auch in der Chemieindustrie zunehmend durch erneuerbare Alternativen ersetzen lässt. Die Verbio hat darauf eine klare Antwort: Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die neue Produktionsanlage in Bitterfeld. Dort werden künftig aus europäischem Rapsöl hochwertige chemische Bausteine hergestellt. Die Anlage wird derzeit schrittweise in Betrieb genommen. Perspektivisch ist eine Produktionskapazität von bis zu 60.000 t biobasierter Spezialchemikalien pro Jahr vorgesehen. Dafür überführt die Verbio ein nobelpreisprämiertes Verfahren in einen neuen industriellen Maßstab.
Defossilisierung statt Dekarbonisierung
Wenn man über Energiewende und Transformation redet, darf man nach C. Sauter die Chemieindustrie nicht außer Acht lassen. Entscheidend ist hier, fossilen Kohlenstoff durch erneuerbare Kohlenstoffquellen zu ersetzen. Die organische Chemie benötigt Kohlenstoff als Grundbaustein und kann deshalb nicht vollständig auf ihn verzichten. Die Verbio wird dafür künftig erneuerbaren Kohlenstoff aus europäischem Rapsöl gewinnen.
„Den Verkehr kann man dekarbonisieren, indem man mit Strom fährt. Die Chemieindustrie kann nicht dekarbonisieren, sie muss defossilisieren. Kohlenstoff bleibt ein Grundbaustein der Chemie. Entscheidend ist, dass er künftig nicht mehr aus Erdöl, sondern aus erneuerbaren Quellen kommt“, erklärte der Vorstandsvorsitzender der Verbio.
A. Kohl sieht darin nicht nur einen Beitrag zur grünen Transformation, sondern auch eine industriepolitische Chance. Eine regionale, erneuerbare Rohstoffbasis könne zusätzliche Bezugsoptionen schaffen, Lieferketten stabilisieren und neue Wertschöpfung in Europa ermöglichen. Gerade die jüngsten Störungen zeigen, wie verwundbar globale Lieferketten sind. Die Verbio verfolgt deshalb einen „Local-for-local“-Ansatz: Rohstoffe und Produktion sollen möglichst nah an den Absatzmärkten liegen.
„Es gibt rund 40 bis 50 Chemieanlagen in der Golfregion, die momentan nicht produzieren können, weil sie das Produkt nicht rausbekommen. Und das sind genau die Wertschöpfungsketten, die unterbrochen sind. Wenn die Anlagen in Europa stehen, haben wir das Problem nicht“, erläuterte A.Kohl
Weltpremiere in Bitterfeld: neue Technologie im industriellen Maßstab
In Bitterfeld entsteht die weltweit erste Ethenolyseanlage auf Basis von Rapsmethylester. Der biobasierte Rohstoff wird mithilfe eines Katalysators gezielt in grüne Moleküle umgewandelt. Das zugrunde liegende Metathese-Verfahren gilt als technologisch anspruchsvoll; für dessen Entwicklung wurde 2005 der Chemie-Nobelpreis vergeben. Ein wichtiger Teil der Technologie sind spezielle Katalysatoren, die das Verbio-Tochterunternehmen XiMo Hungary Kft, Budapest, in Ungarn herstellt. Das neue Verfahren wird in Bitterfeld erstmals in die industrielle Anwendung gebracht.
Die Verbio investiert nach Angaben von C. Sauter rund 100 Mio. Euro in das Projekt. Die Produktion soll schrittweise hochgefahren und an die Nachfrage der Kunden angepasst werden. „Das ist eine Weltpremiere – ein absolut einzigartiges Projekt. Es ist eine neue Katalysatorentechnologie, die in einer neuen, großen industriellen Anlage das erste Mal Einsatz findet. Ich wüsste nicht, wo es das nochmal gibt-“
„Skalierung ist ein ganz wichtiges Thema. Wenn man in der Chemie nicht skalieren kann, dann ist es nicht viel wert. Dann kann man nur bestimmte Nischenmärkte bedienen. Wir haben aber eine Technologie und den Rohstoff. Und wir können skalieren. Das ist das Besondere hier, auch an unserer Technologie“ ergänzt A. Kohl.
Von Hochleistungsschmierstoffen bis zu Reinigungsmitteln
Im Zentrum der Bitterfelder Produktion stehen zwei sogenannte C10-Moleküle mit jeweils zehn Kohlenstoffatomen: 1-Decen und 9-DAME. 1-Decen ist bereits als chemischer Baustein etabliert, wird bislang jedoch vor allem in großen petrochemischen Anlagen aus Erdöl erzeugt. Es dient unter anderem als Ausgangsstoff für synthetische Hochleistungsschmierstoffe für Motoren, Getriebe oder Windkraftanlagen.
9-DAME ist ein neues Plattformmolekül, das in dieser Form bislang nicht am Markt verfügbar ist. Es kann aktuelle Rohstoffe auf Basis von Palmkernöl ersetzen und zu Wasch- und Reinigungsmitteln oder biobasierten Kunststoffen weiterverarbeitet werden. Die Verbio liefert nicht das fertige Endprodukt, sondern erneuerbare chemische Bausteine für die weitere Verarbeitung durch Partner der Chemieindustrie.
A. Kohl nannte im Podcast die Zusammenarbeit mit der Werner & Mertz GmbH, Mainz, Hersteller der Marke Frosch, als Beispiel. Das Unternehmen will gezielt erneuerbare europäische Rohstoffe einsetzen. Entscheidend für den Markthochlauf seien jetzt gleichbleibende Produktqualität, verlässliche Spezifikationen und die enge Zusammenarbeit mit Kunden bei Tests und Freigaben. Das Interesse reiche bereits von Unternehmen in Deutschland und Europa bis zu Anfragen aus Nordamerika, Südamerika und Asien.
Markt, Unternehmen und Politik sind gemeinsam gefragt
Anders als im Kraftstoffmarkt gibt es in der Chemie bislang kaum regulatorische Vorgaben für den Einsatz erneuerbarer Rohstoffe. A. Kohl sieht freiwillige Klimaziele vieler Unternehmen sowie die strategische Verringerung von Rohstoff- und Lieferkettenabhängigkeiten als wichtigste Treiber für die Transformation. Besonders groß sei der Bedarf in konsumentennahen Branchen, in denen Hersteller den Einsatz biobasierter Rohstoffe auch gegenüber ihren Kunden sichtbar machen können.
C. Sauter sieht zunächst die Unternehmen und die Verbraucher in der Verantwortung, das nachhaltige Potenzial der erneuerbaren Kohlenstoffe adäquat zu nutzen. Verbio bringe die Rohstoffe jetzt in industriell relevanten Mengen auf den Markt. Chemieunternehmen und Markenhersteller müssten den angekündigten Klimazielen konkrete Entscheidungen folgen lassen. Zugleich hält er es für möglich, dass mittelfristig regulatorische Vorgaben nötig werden, wenn der Markthochlauf allein nicht gelingt.
„Mit biobasierten Rohstoffen bleibt Wertschöpfung im Land. Das stärkt unsere Wirtschaft und verringert Abhängigkeiten von fossilen Importen. Am Ende muss sich aber auch jeder ein Stück weit an die eigene Nase fassen: Mit seiner Kaufentscheidung entscheidet der Verbraucher mit, ob solche Lösungen im Markt ankommen“, lag C. Sauter im Podcast dar.
„Wir müssen im Dialog mit der Politik stehen, die Zielvorgaben hat. Unternehmen wie wir müssen diese Zielvorgaben in die Realität umsetzen. Und die klassische Chemieindustrie auch. Ich glaube, dass es mittelfristig nicht ohne eine Quote gehen wird. Aber warten wir mal ab, bevor wir wieder nach der Politik rufen“, erklärte C. Sauter weiter.





