Die Energie- und die KI-Krise werden zu einem Arbeitsplatzverlust historischen Ausmaßes in Deutschland führen, warnt die BWA Bonner Wirtschafts-Akademie GmbH. Die aktuelle Umfrage des IW Institut der Deutschen Wirtschaft e. V., Köln, wonach die Unternehmen noch in diesem Jahr rund 30 % aller Stellen streichen wollen, sei erst der Anfang, bewertet die BWA die Entwicklung. Geschäftsführer Harald Müller skizziert eine düstere Zukunft: „Die Kombination aus Energie- und KI-Krise wird Hunderttausende von Arbeitsplätzen sowohl in der Industrie als auch im Büro vernichten.“ Diese Entwicklung komme noch „on top“ auf die Jobverluste in der Automobilindustrie, heißt es bei der BWA. Mit dem Begriff „KI-Krise“ umschreibt die BWA die rasant zunehmende Übernahme von Büroarbeitsplätzen durch KI-Systeme und von Industriejobs durch eine künftige Generation humanoider Roboter.
H. Müller verweist auf eine aktuelle Umfrage der Beratungsfirma Mercer Ltd., New York, in den USA unter rund 1.000 CEOs, wonach 99 % Einschnitte beim Personal aufgrund von künstlicher Intelligenz erwarten. Die befragten Firmenchefs schätzen, dass derzeit rund die Hälfte der Arbeitsleistung in ihren Unternehmen ausschließlich von Personal ohne KI-Unterstützung erbracht wird. In den kommenden Jahren soll dieser Anteil nach KI-Einführung und dem damit verbundenen Personalabbau auf etwa 35 % sinken. H. Müller fasste zusammen, dass zwei Drittel der Arbeitsplätze, die nicht der Rationalisierung zum Opfer fielen, mit künstlicher Intelligenz ausgestattet würden. Er befürchte, dass es in Deutschland zu einer ähnlichen Entwicklung kommen werde.
Steigende Angst vor Arbeitsplatzverlust durch KI
Laut „Global Talent Trends 2026“-Report, für den rund 12.000 Teilnehmer befragt wurden, darunter nicht nur CEOs, sondern auch personalverantwortliche Beschäftigte, steigt die Angst vor der KI-Krise. Während sich 2024 noch 28 % der Beschäftigten durch künstliche Intelligenz bedroht fühlten, sind es inzwischen 40 %.
„Der Angstfaktor wird in den Firmen völlig unterschätzt“, hat H. Müller in Gesprächen mit zahlreichen Personalverantwortlichen festgestellt. Er erläutert die Zusammenhänge: „Wir stellen zusehends einen passiven Widerstand gegen KI in den Belegschaften fest, weil sie befürchten, sich selbst wegzurationalisieren. Diese Unsicherheit führt dazu, dass KI-Projekte häufig nicht an der Technik scheitern, sondern an fehlender Akzeptanz innerhalb der Arbeitnehmerschaft. Transparente Kommunikation, betriebliche Qualifizierungsoffensiven und die aktive Einbindung der Betroffenen stellen entscheidende Voraussetzungen für eine erfolgreiche KI-Transformation dar.“
„Spagat zwischen demografischem Faktor, Fachkräftemangel und KI“
Der BWA-Geschäftsführer appelliert an Politik und Gewerkschaften, den Wandel der Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz aktiv mitzugestalten und nicht allein der Wirtschaft zu überlassen. „Die absehbaren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden gewaltig sein und bedürfen einer politischen Antwort“, sagt der Chef der BWA.
Den Gewerkschaften empfiehlt er, sich in die KI-Transformation zukunftsgewandt zu involvieren. „Eine bloße Abwehrhaltung wird nicht zum Erfolg führen“, mahnt H. Müller, und begründet: „Eine verzögerte KI-Einführung in der deutschen Wirtschaft wird letztlich die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen beeinträchtigen und am Ende zu noch höheren Arbeitsplatzverlusten führen.“
Vielmehr gelte es, den „Spagat zwischen demografischem Wandel und KI-Einführung hinzukriegen.“ Konkret: „Wenn die Baby Boomer in Rente gehen und der Fachkräftemangel weiter zunimmt, eröffnet Künstliche Intelligenz die Chance, diesen Verlust an Arbeitskraft auszugleichen, ohne Produktivität zu verlieren.“ H. Müller gibt zu bedenken, dass bis 2036 voraussichtlich beinahe 20 Mio. Beschäftigte der Babyboomer-Generation aus dem Erwerbsleben ausscheiden werden. Gleichzeitig rückten schätzungsweise nur rund 12 Mio. jüngere Arbeitskräfte nach. Er sagt: „KI kann helfen, diese Lücke auszugleichen.“ Allerdings würden vor allem die hohen Energiekosten in Deutschland zu einer verstärkten Abwanderung des Produzierenden Gewerbes ins Ausland führen, die von der KI-Entwicklung nicht kompensiert werden kann, sondern im Gegenteil in ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt verstärkt werde, weist der BWA-Geschäftsführer auf die Zusammenhänge zwischen Energie- und KI-Krise hin. „Der Arbeitsmarkt steht im Feuer“, sagt er, „und das ist erst der Anfang.“
Humanoide KI-Roboter auf dem Vormarsch
Eine aktuelle Studie der BWA gemeinsam mit der Gewerkschaft IGBCE IG Bergbau, Chemie, Energie, Hannover, kommt zu dem Schluss, dass die sogenannte „Physical AI“ (KI in der realen Welt) auf dem Vormarsch ist. Darunter versteht man humanoide Roboter, die viele körperliche Arbeiten übernehmen könnten.
Laut Umfrage gehen 62 % der Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter davon aus, dass in Zukunft humanoide KI-Roboter, also dem Menschen nachkonstruierte und mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Maschinen, selbstständig betriebliche Aufgaben planen und ausführen können. Mehr als ein Drittel (36 %) der Befragten erwarten diese Entwicklung innerhalb der nächsten zehn Jahre.





