Im Interview mit Lea Frank – KI statt Bauchgefühl: Wie Händler mit anybill smarter entscheiden

Gesch. Lesedauer: 8 Minuten
Allgemein, Digitalisierung & KI, Interviews
Lea Frank, Co-Founder und CEO der anybill GmbH, sprach im eot special über digitalen Kassenbon, Datenanalyse und KI im Handel. Kontakt: leonhard.schwinn@anybill.de | +49 170 764 5298
Foto: anybill

Jeder Kauf erzählt eine Geschichte. Purchase Intelligence macht sie nutzbar. Die anybill GmbH digitalisiert den Kassenmoment und schließt die Lücke zwischen stationärem Handel und digitalen Kanälen. Als SaaS-Lösung macht anybill Transaktionsdaten zur Basis für datenbasierte Entscheidungen. Über den digitalen Kassenbon erfasst anybill alle Belege in Echtzeit, verknüpft sie mit Payment- und Loyalty-Daten sowie externen Signalen wie Wetter, Verkehr oder besonderen Ereignissen und liefert ein vollständiges Bild am Point of Sale. Die KI analysiert Muster, segmentiert Kundengruppen automatisch, erkennt Anomalien und generiert konkrete Handlungsempfehlungen – von personalisierten Kampagnen bis zu dynamischen Preisstrategien. Wie das genau funktioniert, was Purchase Intelligence von klassischen BI-Tools unterscheidet und welche konkreten Maßnahmen die KI empfiehlt, erklärt Gründerin & CEO Lea Frank im Gespräch mit dem eot.

Können Sie kurz erklären, was Ihr Basisprodukt, der digitale Kassenbon, ausmacht und wie die KI-gestützte Erweiterung Purchase Intelligence darauf aufsetzt?
Der digitale Kassenbon ist für uns die zentrale Datenquelle am Point of Sale. Er enthält die Echtzeit-Warenkorbinformation und repräsentiert damit die Abverkäufe direkt am Kassenmoment – vollständig, in Echtzeit und ohne Medienbruch. Gleichzeitig lässt er sich mit weiteren Daten verknüpfen – etwa mit Payment-Daten für anonymisierte Segmentierung. Unser Ziel ist es, den Point of Sale niedrigschwellig zu digitalisieren und eine direkte, digitale Interaktion mit dem Endkunden zu

ermöglichen – im Sinne des Händlers, aber auch im Interesse des Kunden, der dadurch relevantere Angebote erhält. Der digitale Beleg spart nicht nur Papier und Kosten: Er wird zum aktiven Kommunikationskanal. Über ihn lassen sich Kunden in die Händler-App überführen, für Newsletter anmelden, Marketing-Opt-ins einholen oder bestehende Kundenkarten verknüpfen. Der Bezahlmoment wird so zum Einstieg in eine digitale Kundenbeziehung – und das ganz ohne aufwändige technische Voraussetzungen auf Kundenseite.

Ein Anwendungsbeispiel: Relevante Kundengruppen identifizieren und individuelle Handlungsoptionen vorschlagen. (Grafik: anybill)

Weil wir 100 % der Belege erfassen, bildet das eine belastbare Datenbasis für unseren Intelligence Layer – Purchase Intelligence. Als KI-basierte Software-as-a-Service-Lösung setzt Purchase Intelligence auf diese Echtzeit-Transaktionsdaten auf und reichert sie mit weiteren Quellen an: Payment-Daten, Loyalty-Programmdaten, aber auch externe Signale wie Wetter- oder Verkehrsdaten. All diese Datenströme werden im richtigen Moment zusammengeführt und in Kontext gesetzt – sodass keine isolierten Einzelwerte entstehen, sondern ein ganzheitliches Bild der Situation am jeweiligen Standort.

Gerade im Mineralölbereich – mit teils komplexen Strukturen über Betreiber und Pächter – sind die Stammdaten oft uneinheitlich: Ein Artikel taucht unter fünf verschiedenen Schreibweisen auf. Dafür haben wir eine Normalisierungs-Engine, die die Daten zunächst auf eine einheitliche, analysierbare Ebene bringt. Wir lösen damit zwar nicht die Ursache des Problems, aber wir verbessern die Datenqualität dauerhaft – und das ist die grundlegende Voraussetzung für alles Weitere. Ohne saubere Datenbasis sind selbst die besten Analysetools schlicht wertlos.

Und das ist der Unterschied zu einem normalen Analysetool oder einem BI-Tool?
Ein BI-Tool wertet aus, was man hineinkippt – es analysiert und visualisiert, mehr nicht. Die entscheidende Frage, wo und wie man die richtigen Daten anzapft, bleibt völlig offen. Das übernehmen wir – von der Anbindung über die Normalisierung bis hin zur strukturierten Aufbereitung.

Und die Analyse ist bei uns nur der erste Schritt. Was wir wirklich leisten, ist der nächste: Wir liefern Insights. Purchase Intelligence erkennt Muster, Trends und Anomalien in den Daten – und spricht direkt Handlungsempfehlungen aus. In jedem Schritt ist ein KI-Layer eingebettet, der den gesamten Prozess smarter macht. Das schafft die Grundlage für systembasierte, datengetriebene Entscheidungen – und ermöglicht langfristig sogar vollständig automatisierte Abläufe. Immer mit der Option auf Human-in-the-Loop: Ein Mensch kann jederzeit eingreifen, kontrollieren und freigeben. Wir glauben nicht daran, den Menschen aus dem Prozess zu drängen – sondern daran, ihn dort zu entlasten, wo Daten schneller und zuverlässiger entscheiden können als das Bauchgefühl.

Es werden sehr viele Daten erhoben. Wie schafft es das System, dass sich Ihre Kundinnen und Kunden noch zurechtfinden und am Ende echte Maßnahmen ausgespuckt werden?
Das ist ein wichtiger Punkt, den wir von Anfang an sehr bewusst adressiert haben. Wir ziehen nur die Daten heran, die auch wirklich Sinn ergeben. Nehmen wir an: Der Verkehr läuft normal und es ist normales Frühlingswetter, dann ist das nichts, was man unbedingt senden und in den Kontext mit einbeziehen muss, weil es keine Anomalie aufweist und keine neue Information liefert. Wenn es aber besondere Vorkommnisse gibt – ein Stau auf der Autobahn, eine unerwartete Hitzewelle, ein lokales Großereignis –, dann können wir das ganz spezifisch in den Kontext setzen und zusenden. Die Interpretation übernimmt dann das System und gibt direkt eine Empfehlung: Deswegen sollte eine bestimmte Produktkombination beworben, oder dort die Preise gesenkt oder der WKZ nachverhandelt werden.

Das System findet heraus, welche Gruppen es gibt und was die Kundinnen und Kunden wirklich kaufen. Und wenn es ungewöhnlich warm wird, folgt die Empfehlung, die Grillkohle rauszustellen?

Genau. Auch Forecasting ist integrierbar, und das System lernt kontinuierlich dazu. Basierend auf erkannten Mustern wird eine Handlungsempfehlung vorgeschlagen, in der Regel noch von einem Menschen freigegeben und umgesetzt. Mit der Zeit lassen sich bestimmte Maßnahmen – zum Beispiel wiederkehrende Marketingkampagnen oder Verbundkäufe mit nachgewiesener Wirksamkeit – auch vollständig automatisieren. Der Impact ist danach direkt in den Analysen sichtbar. Ein geschlossener Kreislauf – mit menschlicher Kontrolle, wo sie gebraucht wird, und smarter Automatisierung, wo sie echten Mehrwert schafft.

Entscheidungen werden durch anybill auf Basis realer eigener Daten getroffen. (Grafik: anybill)

Was gibt es denn zum Beispiel für Maßnahmen, die die KI empfehlen könnte?
Ein zentrales Feature ist die automatische Kundensegmentierung. Wir analysieren sogenannte Shopping Missions: Was ist der eigentliche Kaufgrund des Kunden? An einer Tankstelle gibt es zum Beispiel Kunden, die nur zum Tanken kommen und direkt weiterfahren – und andere, die gar nicht wegen des Kraftstoffs kommen, sondern für einen kleinen Einkauf im Shop. Diese beiden Gruppen haben grundlegend unterschiedliche Bedürfnisse, Kaufmuster und Margenbeiträge.

Stellen wir fest, dass diese zweite Gruppe – die besonders attraktiv ist, weil sie vor allem hochmargige Produkte kauft – im Vergleich zu den letzten drei oder sechs Monaten deutlich abnimmt, empfiehlt Purchase Intelligence gezielt eine Kampagne für genau dieses Segment. Die KI analysiert, welche Produktkombinationen in dieser Käufergruppe typischerweise vorkommen – etwa Pizza und Softdrink – und schlägt darauf basierend ein konkretes Bundle als Kampagnenmotiv vor. Sichtbar ausgespielt an den Stellen, die genau die Menschen erreichen, die heute entscheiden: Kaufe ich hier für meinen Sonntagabend ein, oder bestelle ich beim Lieferdienst? Das als eines von vielen Beispielen – die Bandbreite möglicher Maßnahmen ist dabei tatsächlich bemerkenswert groß, weil das System auf jeden Datensatz individuell reagiert.

Viele überlegen, ob sie eine eigene Lösung bauen oder eine fertige kaufen sollen – was spricht für Ihre SaaS-Lösung?
Die entscheidende Frage ist: Was ist mein Kerngeschäft, wo habe ich Kompetenz, wo sollte ich eigene Kompetenz aufbauen? Und wo gelingt es mir überhaupt in dieser schnelllebigen Zeit, wenn es nicht mein Kerngeschäft ist, kosteneffizient immer up-to-date zu sein und das dann direkt bei mir in die Lösungen zu implementieren? Als spezialisierter Tech-Enabler können wir hier schnell und verlässlich Mehrwert liefern. Händler, die mit uns arbeiten, sind immer on track – ohne eigene Entwicklungskapazitäten aufzubauen, ohne Trends zu verpassen, und mit unserer Beratungskompetenz direkt inklusive. Wir behandeln Daten mit höchster Sensibilität – und als deutscher Anbieter mit Datenhaltung in Deutschland ist das auch eine Frage des Vertrauens. Gerade in einem Marktumfeld, in dem Datenschutz-Konformität immer stärker in den Fokus rücken, ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Die Alternative – aufwändige Beraterprojekte, hohe Eigenentwicklungskosten, und am Ende doch keine besseren Entscheidungen – ist schlicht teurer und langsamer. Und sie bindet Ressourcen, die im Kerngeschäft häufig dringend gebraucht werden.

Über das anybill-Dashboard besteht jederzeit Zugriff auf die eigenen Daten. (Grafik: anybill)

Und wenn wir uns jetzt mal den idealen Kunden für anybill anschauen – was für Herausforderungen hat er und mit welchen Fragen tritt er an Sie heran?
Der typische Einstiegspunkt ist eine von drei Fragen: Wie komme ich überhaupt an meine Daten, um ein Analysesystem aufzubauen? Hier bringen wir standardisierte Schnittstellen mit – wir können Daten importieren, normalisieren und direkt für Analysen nutzbar machen.

Oder: Ich habe Daten in meiner Kasse, aber sie sind uneinheitlich und kaum verwertbar. Auch hier greift unsere Normalisierungs-Engine als erster, aber entscheidender Schritt.

Oder: Ich möchte endlich standort-übergreifend bessere Auswertungen fahren, meine Kunden wirklich kennen und mein Category Management gezielter steuern – mit wenig Ressourcenaufwand.

Es geht darum, nicht nur das ganz Offensichtliche zu sehen, sondern auch die Möglichkeit zu haben, unterschiedliche Anwender mit unterschiedlichen Datenpunkten zu versorgen. Wir haben die Möglichkeit, verschiedenste Accounts mit verschiedenen Rechten und Ansichten zu konfigurieren. Das heißt, man hat auch die Möglichkeit, einem Pächter oder einem Betreiber einen Zugang zu geben, um ihn zu befähigen, im Alltag bessere Entscheidungen zu treffen. Und gleichzeitig braucht die Geschäftsführung ein High Level Dashboard – das kommt alles automatisch bei uns mit. Jeder bekommt so genau den Ausschnitt der Daten, der für seine Rolle wirklich relevant ist – nicht mehr und nicht weniger.

Der ideale Partner hat viele Daten, mehrere Standorte, eine Kundenbindungsstrategie und das klare Ziel, Umsätze effizient zu steigern und Personalkosten zu reduzieren. Dann können wir das volle Potenzial von anybill und Purchase Intelligence ausschöpfen.

Das ist der Wunschkunde, weil er die Möglichkeit hat, die volle Kraft Ihres Produktes zu nutzen. Können sich denn auch Einzelpächter bei Ihnen melden?
Grundsätzlich immer: es kommt darauf an, welche Produkte man nutzen möchte. Wenn es um den digitalen Beleg und darauf bezogene Erweiterungen geht, dann jederzeit gerne. Dafür haben wir spezielle Pakete auch für Einzelpächter. Für Purchase Intelligence ist unser Einstiegspreis für einzelne Tankstellen häufig zu hoch – außer, es handelt sich um eine sehr umsatzstarke Station.

Stichwort Einstiegspreis?!
Wir haben ein modulares Modell – kein starres Abo. Der Einstieg ist über ein Basispaket möglich, das schnell zu aussagekräftigen Analysen auf solider Datenbasis führt. Darauf aufbauend lässt sich alles flexibel erweitern: Purchase Intelligence, Werbeflächen auf dem digitalen Bon, Newsletter-Integration, App-Anbindung, E-Rechnungen. Wer das nicht braucht, zahlt auch nicht dafür. Niemand muss die Komplettlösung kaufen, um zu starten – und niemand wird dazu gedrängt, Module einzusetzen, die für ihn noch keinen Mehrwert stiften.

Starten die Kunden immer erst einmal damit, den Kassenbon zu digitalisieren?
Nicht unbedingt. Eine Vielzahl an Kunden starten heute direkt mit dem Gesamtpaket beziehungsweise einer Kombination aus Modulen, weil der digitale Beleg und Purchase Intelligence zusammen ihren vollen Wert entfalten. Der Beleg ist die Datenquelle – und gleichzeitig der direkte Kommunikationskanal zurück zum Kunden. Handlungsempfehlungen, die Purchase Intelligence generiert, lassen sich über genau diesen Kanal unmittelbar ausspielen: als personalisierte Werbefläche, als Kampagnenmotiv, als gezielte Kundenansprache direkt am Point of Sale. Der Kreis schließt sich.

Wer aber zunächst nur eine Sache lösen möchte – zum Beispiel die Datenqualität – kann auch dort einsteigen. Wir haben kein starres Abomodell, sondern ein modulares System, das sich flexibel zusammenstellen lässt. Beispiel: digitaler Beleg mit Werbeflächen plus Purchase Intelligence, ohne Newsletter- oder App-Anbindung – weil beides schlicht noch nicht vorhanden ist. Genauso möglich: nur der digitale Beleg als Einstieg, um zunächst die Datenbasis zu schaffen. E-Rechnungen für B2B-Kunden kommen für manche dazu, für andere sind sie irrelevant. Jede Konfiguration ist denkbar. Wir denken vom Bedarf her – nicht vom Paket.

Gab es einen persönlichen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass KI nicht einfach nur das nächste Tool ist, sondern es den Handel wirklich grundlegend verändern wird?
In meiner eigenen Arbeit setze ich täglich KI-gestützte Tools ein – das ist längst selbstverständlicher Alltag. Was mich aber immer wieder überrascht und ehrlich gesagt auch berührt, sind persönliche Gespräche mit Händlern, in denen ich sehe, mit welchen Datengrundlagen teilweise noch gearbeitet wird. Wo Excel-Reports gar nicht erst angeschaut werden, oder das Thema mit „Das ist mir alles zu hoch“ abgetan wird. Da wird mir jedes Mal aufs Neue bewusst, wie groß die Lücke zwischen dem technisch Möglichen und dem tatsächlich Genutzten noch ist.

Genau dort setzt anybill an: Wir wollen die Hürde so niedrig wie möglich halten. Es soll sich nicht anfühlen wie „Erst muss ich X lösen, bevor ich Y kann.“ Wir haben den Weg von A bis Z durchgedacht – von der Datennormalisierung bis zur konkreten Handlungsempfehlung. Und wir bringen konkrete Use Cases mit, damit Händler nicht selbst herausfinden müssen, wo sie anfangen sollen.

Purchase Intelligence kann sogar live am Kassenmoment wirken: Das System erkennt Kaufmuster in Echtzeit und kann dem Kassenpersonal direkt Hinweise für die Kundenansprache zurückspielen. So werden alle Stakeholder – von der Geschäftsführung bis zum Kassenpersonal – befähigt, zielgerichtet zu handeln.

Wer sich dieser Technologie nicht bedient, wird schnell abgehängt. Gerade im stationären Handel ist das kein Trend mehr – es ist eine Notwendigkeit. Und die gute Nachricht ist: Man muss nicht mit einer Komplettlösung starten. Man muss nur anfangen.

 

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