Energiemärkte preisen Ruhe ein – doch das globale System ist fragiler als gedacht

Gesch. Lesedauer: 3 Minuten
Energie, Mobilität & Kraftstoffe, Wirtschaft
Nach Einschätzung von Sebastien Mallet, Portfolio Manager der T. Rowe Price, unterschätzen viele Investoren die geringe Flexibilität und die begrenzten Reservekapazitäten im globalen Energiesystem.
Foto: T. Rowe Price

Sebastien Mallet, Portfolio Manager bei T. Rowe Price Group, Inc., Baltimore, ordnet die aktuellen Entwicklungen an den Energiemärkten ein und verweist darauf, dass Marktbewegungen und Einschätzungen aus dem physischen Sektor zunehmend auseinanderlaufen. Nach Einschätzung von S. Mallet spiegeln die jüngsten Marktbewegungen die Erwartung vieler Investoren wider, dass geopolitische Störungen beherrschbar und von begrenzter Dauer bleiben. Gleichzeitig zeigen Gespräche im gesamten Energiesektor nach Aussagen von S. Mallet eine andere Realität: Das globale Energiesystem erscheint fragiler, als es die Marktpreise signalisieren.

Diskrepanz zwischen Finanzmarkt und physischem Markt
Diese Diskrepanz lässt sich laut S. Mallet auf eine grundlegende Beobachtung zurückführen. Die Finanzmärkte preisen Widerstandsfähigkeit ein, während zahlreiche Akteure auf dem physischen Markt den Fokus auf begrenzte Reservekapazitäten und fehlende Versorgungsflexibilität legen. Diese Entwicklung ist von Bedeutung, da nur wenige leicht zugängliche Quellen für zusätzliches Angebot vorhanden sind.

Schieferölproduzenten bleiben nach Darstellung von S. Mallet diszipliniert und stellen Renditen für Aktionäre über Produktionswachstum. Selbst bei steigender Aktivität fällt die Reaktion im Verhältnis zu einer größeren Störung moderat aus. Auch große integrierte Produzenten zeigen Zurückhaltung und priorisieren langfristige freie Cashflows gegenüber kurzfristigem Volumenzuwachs. Daraus ergibt sich nach Einschätzung von S. Mallet, dass die Fähigkeit des Marktes, auf Versorgungsschocks zu reagieren, stärker eingeschränkt ist, als vielfach angenommen wird.

Energiesicherheit rückt in den Fokus
Gleichzeitig gewinnt das Thema Energiesicherheit laut S. Mallet erneut an Gewicht auf der globalen Agenda. Vor dem Hintergrund anhaltend hoher geopolitischer Spannungen nehmen Bedenken hinsichtlich Exportbeschränkungen, strategischer Reserven und Versorgungssicherheit zu. Diese Entwicklungen verdeutlichen nach Worten von S. Mallet, wie schnell sich Energiemärkte verändern können, wenn politische und sicherheitspolitische Aspekte gegenüber wirtschaftlichen Überlegungen an Bedeutung gewinnen.

Nachfrageimpuls durch China möglich
Darüber hinaus sieht S. Mallet eine wichtige Nachfragedimension. Nach seinen Informationen hat sich China in erheblichem Maß aus den globalen Energiemärkten zurückgezogen und greift verstärkt auf strategische Reserven zurück. Eine Rückkehr auf den Markt könnte zusätzliche Nachfrage auslösen, während die Angebotsflexibilität bereits begrenzt erscheint.

Geringer Spielraum für Fehler im System
Das zentrale Risiko besteht laut S. Mallet nicht zwingend in kurzfristig stark steigenden Energiepreisen. Vielmehr wird der geringe Spielraum für Fehler im globalen Energiesystem häufig unterschätzt. Für Anleger ergibt sich daraus die Bedeutung, den Fokus auf Energieunternehmen zu legen, die durch operative Exzellenz, Kapitaldisziplin und robuste Bilanzen Wert generieren können, anstatt sich ausschließlich auf steigende Rohstoffpreise zu stützen.

Fokus auf Unternehmen mit starken Ressourcen
Innerhalb des Sektors bevorzugt S. Mallet Unternehmen mit attraktiven Ressourcenbeständen, disziplinierter Kapitalallokation und der Fähigkeit, in unterschiedlichen Preisumfeldern nachhaltige freie Cashflows zu erzielen. Dazu zählen integrierte Energieunternehmen mit langlebigen und kostengünstigen Ressourcen, hochwertige Upstream-Betreiber mit hoher Lagerstättentiefe und Kapitalproduktivität sowie Energiedienstleister, die durch Technologie, Industrialisierung und operative Exzellenz strukturelle Verbesserungen der Profitabilität erreichen.

Beispiele aus Sicht von S. Mallet sind die Exxon Mobil Corporation, Irving, sowie die TechnipFMC plc, London. Die Exxon Mobil verdeutlicht den Wert vorteilhafter Ressourcenpositionen und disziplinierter Umsetzung. Die TechnipFMC zeigt laut Einschätzung des Portfolio Managers, wie Gewinnwachstum durch Produktivitätssteigerungen und Margenausweitung erreicht wird, ohne ausschließlich auf einen stärkeren Rohstoffzyklus angewiesen zu sein. Darüber hinaus erkennt S. Mallet Chancen bei ausgewählten Explorations- und Produktionsunternehmen, bei denen Ressourcenqualität, operative Verbesserungen und Aktionärsrenditen wesentliche Werttreiber darstellen.

Positionierung im Energiesektor
Im Einklang mit dieser Einschätzung bleibt die T. Rowe Price nach Angaben von Sebastien Mallet im Energiesektor gegenüber dem Kernindex übergewichtet und gegenüber dem MSCI World Value Index weitgehend neutral. Allgemein unterstreicht die verstärkte Ausrichtung auf Energiesicherheit, Versorgungsresilienz und stabile Lieferketten die strategische Bedeutung des Energiesektors innerhalb breit diversifizierter Aktienportfolios.

Der Markt zeigt sich nach Darstellung von S. Mallet mit den aktuellen Aussichten zufrieden. Gespräche mit Branchenvertretern deuten jedoch darauf hin, dass das System weniger Reservekapazitäten, geringere Flexibilität und weniger Spielraum für Fehler aufweist, als vielfach angenommen wird. Daraus folgt keine zwingende Erwartung stark steigender Energiepreise. Allerdings gewinnt Resilienz nach Einschätzung von S. Mallet an Bedeutung und könnte sich als wertvoller erweisen, als es der Markt derzeit berücksichtigt.

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