Angesichts der stark gestiegenen Kraftstoffpreise infolge des Kriegs zwischen den USA, Israel und dem Iran will die Bundesregierung künftig stärker in die Preisbildung an den Tankstellen eingreifen. Das Bundeskabinett hat sich darauf geeinigt, Preiserhöhungen an den Zapfsäulen nach österreichischem Vorbild künftig auf eine pro Tag zu begrenzen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche kündigte am Mittwoch den 11. März 2026 an, dafür das Kartellrecht zu ändern. Die Maßnahme soll extreme Preissprünge begrenzen und mehr Stabilität an den Zapfsäulen schaffen. Doch genau das kann nach Einschätzung des Verbraucherinformationsdienstes Clever Tanken, ein Service der infoRoad GmbH, Heroldsberg, am Ende ins Gegenteil umschlagen.
„Eine staatlich verordnete Preisruhe klingt zunächst verbraucherfreundlich. Ökonomisch kann sie jedoch umgekehrte Wirkung entfalten“, sagt Steffen Bock, Gründer und Geschäftsführer von Clever Tanken. „Wenn Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen dürfen, werden sie sich bei dieser Erhöhung eher am oberen Ende ihres bisherigen Preisspektrums orientieren. Der Wettbewerb würde zwar ruhiger – aber auch teurer.“
Scheinstabilität an den Zapfsäulen
Laut S. Bock schwanken die Preise an einer durchschnittlichen Tankstelle im Tagesverlauf um 15 Cent pro Liter für dieselbe Kraftstoffsorte. Die Hoffnung der Politik, dass eine Tankpreisbremse den durchschnittlichen Kraftstoffpreis senken könnte, sieht S. Bock daher eher pessimistisch. „Wenn ein Mineralölkonzern heute bei einer Tankstelle eine tägliche Preisspanne von etwa 15 Cent hat, stellt sich die Frage: Warum sollte er künftig einen festen Preis am unteren Ende dieser Spanne festlegen?“ Wahrscheinlicher sei, dass sich der Preis eher im oberen Bereich dieser Bandbreite orientiert.
„Damit würde den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine Scheinstabilität suggeriert. Die Preise würden ruhiger wirken, könnten sich aber gleichzeitig auf einem höheren Niveau einpendeln und anschließend nur langsam wieder nach unten bewegen“, erklärt S. Bock. „Das würde zwar stabiler wirken – könnte für Autofahrerinnen und Autofahrer am Ende aber sogar teurer werden.“
Rakete rauf – Feder runter?
Bundeswirtschaftsministerin K. Reiche begründet den geplanten Eingriff unter anderem mit dem sogenannten „Rakete-Feder-Effekt“. Gemeint ist damit ein häufig beobachtetes Muster im Kraftstoffmarkt: Steigen die Rohölpreise, klettern die Preise an den Zapfsäulen schnell nach oben wie eine Rakete. Fallen die Ölpreise, sinken die Kraftstoffpreise dagegen oft langsamer – wie eine Feder.
S. Bock hält jedoch auch hier eine regulierte Preisstruktur nicht zwingend für die richtige Antwort. „Eine starre Begrenzung von Preiserhöhungen kann diesen Effekt sogar verstärken“, sagt der Geschäftsführer der Clever Tanken. „Wenn Preise einmal auf einem höheren Niveau festgelegt sind und der Wettbewerbsdruck sinkt, kann es länger dauern, bis sie wieder nach unten gehen.“
Weniger Preisdynamik – aber nicht zwingend weniger Änderungen
Ein weiteres Ziel der Regulierung ist es, die Vielzahl täglicher Preisänderungen zu reduzieren. Doch auch hier äußert S. Bock Zweifel: „Wenn nur noch eine Preiserhöhung am Tag erlaubt ist, aber Preissenkungen jederzeit möglich bleiben, bedeutet das nicht automatisch weniger Preisänderungen insgesamt.“ Zwar würde die Zahl der Preiserhöhungen sinken, gleichzeitig ist keineswegs ausgeschlossen, dass weiterhin zahlreiche Preissenkungen in kleinen Schritten erfolgen.
Entscheidend ist ein anderer Effekt: Durch die hohe Transparenz der Spritpreise – beispielsweise durch die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe sowie zahlreiche Preisvergleichs-Apps – könnten Tankstellen künftig sogar weniger Anreiz haben, ihre Preise im Wettbewerb nach unten anzupassen. „Unter diesen Bedingungen könnten sich die Preise eher auf einem relativ hohen Niveau einpendeln“, sagt der Clever Tanken-Gründer.
Niedrige Preise – aber zur falschen Zeit?
Der Verbraucherinformationsdienst geht davon aus, dass bei einer Übertragung des österreichischen Modells – bei dem Tankstellen ihre Preise nur einmal täglich, dort um 12 Uhr mittags, anheben dürfen – die niedrigsten Preise in Deutschland vermutlich kurz vor diesem festen Zeitpunkt entstehen. S. Bock stellte außerdem heraus, dass viele Menschen zu diesem Zeitpunkt arbeiteten oder anderweitig gebunden wären. Die günstigsten Preise entstehen heute häufig am Abend – also zu einer Zeit, von der deutlich mehr Autofahrer profitierten.
Höhere Preise sind wichtiges Marktsignal
Darüber hinaus verweist S. Bock auch auf eine grundsätzliche ökonomische Funktion von Preisen. Denn der aktuelle Preisanstieg sei vor allem eine Folge geopolitischer Spannungen und steigender Rohölpreise infolge des Kriegs im Nahen Osten.
Aus ökonomischer Sicht seien höhere Energiepreise ein wichtiges Marktsignal für eine mögliche Verknappung von Rohöl. „Steigende Preise sind zunächst einmal ein Hinweis auf knapper werdende Ressourcen“, sagt S. Bock. „Wenn der Staat in die Preisbildung eingreift, besteht immer die Gefahr, dass solche Signale abgeschwächt oder verzerrt werden.“
Preise erfüllen in einem funktionierenden Markt daher auch eine Steuerungsfunktion: Sie geben Verbrauchern einen Anreiz, ihr Verhalten anzupassen – beispielsweise sparsamer zu fahren, Fahrten zu bündeln oder alternative Verkehrsmittel zu nutzen. Werden diese Preissignale durch Regulierung gedämpft, kann dieser Anpassungseffekt ausbleiben.
Wettbewerb statt Preisbremse
Vor diesem Hintergrund plädiert S. Bock dafür, die bestehenden Marktmechanismen nicht weiter einzuschränken, sondern den Wettbewerb zu stärken. Denn der deutsche Kraftstoffmarkt gilt bereits als einer der transparentesten Europas. Seit 2013 melden die Tankstellen ihre Preise an die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K). Vergleichs-Apps und Navigationssysteme machen diese Daten nahezu in Echtzeit sichtbar.
„Das tägliche Auf und Ab der Preise ist kein Chaos, sondern Ausdruck eines funktionierenden Wettbewerbs“, betont S. Bock. „Gerade dieser Wettbewerb sorgt dafür, dass Autofahrende immer wieder günstige Zeitfenster zum Tanken finden.“ Sein Fazit fällt daher kritisch aus: „Die Tankpreisbremse mag politisch populär klingen. Ökonomisch ist sie jedoch eine riskante Illusion. Sie dämpft Bewegung – aber nicht die Kosten.“






